Nach dem unter dem Strich zweifelsfrei verdienten Kampfsieg in Ingolstadt gibt es im sogenannten "Fußballdeutschland" nur ein Thema: Die Hand Stindls. Nach einem Spieltag, der immerhin einen Kantersieg des Meisters und eine Trainerentlassung als Aufhänger im Angebot hatte, ist der Treffer zum 1:0 durch Gladbachs Kapitän Diskussionsstoff bei Fans und Medienvertretern gleichermaßen. Nun ist die Diskussion zweifelfsohne angebracht. War die Regelauslegung durch Schiedsrichter Dingert in Ordnung? Ist die Regel an und für sich überhaupt sachgemäß? Hätte Borussia das Tor abgekannt werden müssen? All das kann und muss man sogar besprechen. Niemand hätte sich beschwert, wenn Dingert statt auf Anstoß auf Freistoß für Ingolstadt entschieden hätte. Hat er aber nicht. Und das nicht, weil er arglistig getäuscht worden wäre. Nicht, weil weder er noch seine zahlreichen Assistenten die Situation nicht sehen konnten. Nein: die Entscheidung, auf Tor für Borussia zu entscheiden, hat der Schiedsrichter im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gefällt. Vermutlich in genauer Kenntnis der Regeln zum Handspiel und der vom DFB gewünschten Auslegung.

Demnach hat Lars Stindl den Ball nicht absichtlich mit der Hand gespielt, der Ball ist ihm aus einigermaßen kurzer Distanz an die Hand gesprungen und von dort ins Tor. Kann man so sehen. Der Arm war nicht angelegt, das wiederum lässt das Tor "komisch" aussehen und die Entscheidung Dingerts merkwürdig anmuten. Verständlich aus seiner Sicht ist die Beschwerde von Ingolstadts Sportdirektor Thomas Linke, wonach der Arm dort nichts zu suchen hätte. Aber ist das so? Man kann kaum erwarten, dass ein Stürmer im Strafraum mit eng angelegtem Arm zum Ball geht. Unterm Strich steht eine sehr liberale, keinesfalls zwangsläufige aber wohl korrekte Auslegung der Regeln.

Problematisch ist, was aus der Geschichte gemacht wird - also wie bemüht einige Beobachter versuchen, Stindl und Borussia aus dem Verhalten bei und nach dem Treffer einen Strick zu drehen. Schon unmittelbar nach dem Abpfiff wurde deutlich, dass Lars Stindl und sein Sportdirektor Max Eberl sehr offen mit der Sache umzugehen gedachten. Nichts wurde schöngeredet, niemand versuchte sich herauszureden: Ja, die Hand war am Ball, ja, man musste das Tor nicht geben, ja man versteht die Wut der Ingolstädter. Aber nein: Es war keine Absicht und nein, der Schiedsrichter ist nicht getäuscht worden, er hat gewusst, was er tat. So äußerten sich beide und man sollte denken, damit ist es dann auch gut. Stattdessen schlägt die Stunde der Moralapostel. Mit strengem Blick machte Alexander Bommes in der ARD den Anfang, als er suggerierte, Stindl wäre nur dann ein Sportsmann gewesen, wenn er den Schiedsrichter zum Aberkennen des Tores aufgefordert hätte. Wohlgemerkt: ein Spieler, der einen Schiedsrichter ausdrücklich zur Rücknahme einer bewusst gefällten Entscheidung auffordert, riskiert normalerweise eine Verwarnung. Auch Thomas Linke schoss über das Ziel hinaus, als er Stindls Handtor mit dem des Hannoveraners Leon Andreasen in der vergangenen Saison gegen Köln gleichsetzte. Der Unterschied: Andreasen spielte den Ball seinerzeit mit voller Absicht mit der Hand und er entzog sich hinterher allen Nachfragen. Dort wie im Fall Neuville im Jahr 2004 liegt der Fall also anders. Andere Kommentare schieben Stindl nicht nur die Pflicht zu, den Schiedsrichter zu korrigieren, sondern unterstellen ihm auch noch, er habe nach dem Tor lediglich mit den Schultern gezuckt. Diese Behauptung ist angesichts der Offenheit, mit der sich der Gladbacher nach dem Spiel allen Nachfragen stellte und angesichts seiner Reaktion, direkt nach dem Treffer ratsuchend zu Max Eberl zu laufen, schon fast als Aufstellen alternativer Fakten zu werten.

Was bleibt: Stindl und Borussias Verantwortliche hatten im Prinzip keine Chance. Egal, was sie nach dem Tor gesagt oder getan hätten. Die Geschichte ist einfach zu gut, das Erregungspotenzial zu groß, als dass man es von Seiten der Beobachter dabei hätte belassen können. Das ist auch in Ordnung. Eine Diskussion um das Regelwerk und den Schiedsrichter zu führen, ist derweil offenbar einigen Kollegen zu langweilig oder zu wenig polarisierend. Sie brauchen einen Bösewicht für ihre Geschichte. Diese Rolle aber hat Lars Stindl in diesem Fall nun wirklich nicht verdient.

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