Als der Präsident des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, den Vorstoß des FC Sankt Pauli zur Neuverteilung der Fernsehgelder ausdrücklich begrüßte mit dem Urteil "Das war mir in letzter Zeit sowieso zuviel Solidarität", hat ihn keiner gefragt, ob er noch alle Latten am Zaun hat. Bedauerlicherweise, denn Rummenigges ebenso durchsichtige wie alberne Aussage hätte das ohne weiteres verdient gehabt. Was nur beweist, dass man sich alles und auch jede Stillosigkeit erlauben kann, wenn man erst einmal weit genug oben steht.

Die Paulianer hatten sich zuvor bei einigen Vereinen unbeliebt gemacht mit dem Antrag, die von der 50+1 Regel ausgenommenen Clubs, namentlich Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg, von der Verteilung der Fernsehgelder auszuschließen. Die Sichtweise hat durchaus Substanz, wie die turbulente Diskussion im Anschluss beweist, war bei Fans natürlich fast ausnahmslos beliebt, bei der ungerne am Status Quo rumschraubenden DFL sehr viel weniger und die betroffenen Vereine reagierten, nun, betroffen. Die nun mal ausgesprochen unsolidarisch agierenden Werksclubs kamen auf keine bessere Replik, als Sankt Pauli "das Aushebeln der Solidarität" vorwerfen zu wollen, noch getoppt von Völlers Reflexpöbelei "Schweinchen Schlau".

Außer Schweinchen grau ließ sich noch jemand die Gelegenheit nicht entgehen, den Vorstoß der Hamburger misszuverstehen. Im Gefolge des um mehr Solidarität ringenden Zweitligisten gab Rummenigge eben bekannt ,das sei "auch ihm zuviel Solidarität in letzter Zeit". Der falsche Einwurf hatte eine so starke Resonanz, dass Andreas Rettig vom FC Sankt Pauli sich genötigt sah, klarzustellen, dass man keineswegs die Solidarität unter den Proficlubs in Frage stelle, im Gegenteil. Als ob das wirklich noch hätte gesagt werden müssen.

Bekanntlich kann man ja nie zuviel haben, aber nun hat der FC Bayern trotzdem schon sehr viel, Punkte, Titel, Rekorde und Geld. Auch im europäischen und weltweiten Maßstab, aber vor allem im  Vergleich zur übrigen Bundesliga. Da die Bayern die Liga schon früher mit Drohungen der Einzelvermarktung erpresst und ihre sportliche Alleinstellung schon immer mit Spielerwegkäufen unterstützt haben, die nur ihnen finanziell möglich waren und nur ihnen sportlich gar nicht immer nützlich, ist es vielleicht am meisten bewundernswert, was für eine Achtung dieser Verein bundesweit genießt. "Die haben sich doch alles selbst erarbeitet". Von wegen deutsche Neidgesellschaft. Die Bayern haben die Konkurrenz nicht nur überflügelt, sie haben sie restlos ausgeschaltet und werden dafür noch nicht mal nicht gemocht. Um die böse Filmlegende Keyser Söze etwas abzuwandeln, "die größte Leistung des Teufels war, dass die Menschen ihn mochten." Hat sich ja alles selbst erarbeitet.

Die Bayern, die sich schon seit langem wertvoller sehen als alle anderen Clubs zusammen, haben schon früher Versuche unternommen, mehr aus ihrem Marktwert herauszuholen. Da gab es zum Beispiel den Kirch-Skandal, als der Sender Premiere den Bayern heimlich Geld dafür zahlte, dass diese nicht mit Gewalt die Einzelvermarktung durchsetzten. Nach Bekanntwerden der Angelegenheit zahlten die Bayern das Geld würdevoll zurück. Wer, wenn nicht Uli Hoeness, ist ein Ehrenmann?

Mehr Geld, alles besser?

Dieser Tage versucht Karl-Heinz Rummenigge sein Glück über das Bundeskartellamt. Wenn von dort aus die Zentralvermarktung der Clubs gekippt wird, ist der Weg endgültig frei für eine von München aus diktierte Verteilung der Fernsehgelder. Wobei es nur die offenbare Gier nach mehr ist, die den Schritt aus Sicht der Bayern logisch erscheinen lässt, nicht unbedingt weitere Gedankengänge. So beklagen die Münchner zwar objektiv zu Recht, dass sie im Vergleich zu anderen Spitzenclubs aus Spitzenligen deutlich weniger Fernsehgeld bekommen. Dass Umverteilung etwas Gutes sei, ist damit aber noch nicht gesagt. In Spanien zum Beispiel machen die Profivereine ihre TV-Verträge einzeln. Dass dabei Real Madrid und der FC Barcelona den ganz überwiegenden Teil der Finanzen einstecken, liegt auf der Hand. Logisch, dass diese Regelung genau zwei Vereinen gefällt. Die übrigen Vereine kämpfen aussichtslos gegen das Primat des gut vernetzten Spitzenduos an, die Vereine sind hoch verschuldet. Sind denn wenigstens Real und Barça reich und schön? Letzteres vielleicht, Barcelona dazu überaus erfolgreich. Aber letztes Jahr hatten beide zusammen über 700 Millionen Euro Schulden.

Die zwei Vereine stehen in einem ruinösen Wettbewerb gegeneinander, der sie zu immer gigantischeren Ausgaben für Spielerkäufe und vor allem -gehälter zwingt. In der Spitze sind es bereits 15 Millionen Euro Lohnkosten für Messi oder Ronaldo. Netto! Das macht auch bei spanischen Steuersätzen 30 Millionen Ausgaben im Jahr für einen Spieler und ein Neymar zieht nur zu gerne nach. Dass Barcelona der erfolgreiche der beiden Vereine ist, liegt noch nicht mal an mehr Stars oder höheren Ausgaben, sondern ganz simpel an der weltweit berühmten Jugendförderung und integralen Spielanlage, von den Jüngsten bis zu den Profis. Die Titel und Meisterschaften der letzten Jahre gab es auch dank Xavi und Iniesta, der Held des letzten Derbys hieß Sergi Roberto und bekommt keine 15 Millionen Euro. Netto. Zur Zeit kann wohl nur ein Verein Barcelona in Europa das Wasser reichen und das sind genau die Bayern aus München. Solide wirtschaftend in einer Zentralvermarktung.

Die englischen Vereine können ebenfalls mit riesigen TV-Einnahmen wirtschaften. Ganz vorne standen in den letzten Jahren aber mit Chelsea und Manchester City Vereine, die ebenfalls nicht mit den TV-Geldern auskamen, sondern mit riesigen Zuschüssen arabischen und russischen Ursprungs aufgespritzt wurden. Die Finanzen von Manchester City könnten die Bayern wohl mit keinem erreichbaren TV-Vertrag toppen. Sportlich andererseits sind sie den Citizens weit enteilt. Auch das lässt die Bemühungen der Bayern fragwürdig erscheinen.

Wer profitiert von wem?

Zeit, eine einfache Wahrheit auszusprechen: Die Bayern haben nicht die Bundesliga erschaffen. Die Bundesliga hat die Bayern gemacht.

Ja, die Bayern haben ihr Vorteile optimal und bewundernswert genutzt. Es ist allerdings kein Zufall, dass Bremen, Dortmund, Schalke und Mönchengladbach immer nur zeitweise mit den Münchner Giganten mithalten konnten. Die Bayern regieren unangefochten aus einem wohlhabenden Bundesland in einer wirtschaftlich überaus attraktiven Stadt, ein Topstandort in Europa. Die Dax-Konzerne Audi, Allianz und Adidas, die sich überboten haben um hunderte Millionen für 10%ige Beteiligungen auf Münchner Konten hinterlegen zu dürfen, kommen aus der Stadt München oder dem Land Bayern. Schwer vorstellbar, dass Borussia Mönchengladbach mit Schaffrath und Drekopf Europa gestürmt hätte. Was die Umsetzung von Wirtschaftskraft in sportlichen Erfolg angeht, hat der FC Bayern eigentlich nur zwei Konkurrenten ausgestochen, nämlich Stuttgart und Hamburg.

Seit drei Jahren hat der FC Bayern die lokale Konkurrenz praktisch ausgeschaltet. Mit den ersten Dortmunder Punktverlusten war die Meisterschaft dieses Jahr schon entschieden, die vermeintlichen Spitzenspiele gegen Dortmund und Wolfsburg g endeten beide 5:1. Es gibt nichts anderes mehr in Deutschland, nur den FC Bayern, sportlich und wirtschaftlich überlegen wie noch nie ein Verein hierzulande, eine dominante Macht in Europa. Zeit, die Zentralvermarktung zu kündigen und den Bayern mehr Geld zu lassen?

Natürlich finden die Bayern das gerecht. Aber das stimmt nicht unbedingt. Selbst die kapitalistischen Vordenker aus Amerika achten gerade beim Sport strikt darauf, dass sich Vereine nicht auf Jahrezehnte überlegen entwickeln können. Spannung bringt das Geschäft und durch salary caps und draft picks wird verhindert, dass sich in einer der großen Sportarten eine herausragende Macht gebildet hätte. Und die Attraktivität und wirtschaftliche Stärke der Bundesliga kommt keineswegs nur von den Bayern, sondern vom Mit- und Gegeneinander aller Vereine. Dem wird durch die Zentralvermarktung der Liga besser Rechnung getragen als durch alles andere, erst recht als durch Rummenigges Phantasien oder verfehlte Vergleiche.

Hoeness´ bester Einfall

Heute, Mittwoch den 2. Dezember, findet die Mitgliederversammlung des Ligaverbandes für die 36 Proficlubs statt, was die Diskussion überhaupt ins Rollen gebracht hat.

Anlässlich dieser Gelegenheit sei dem Ligaverband nahegelegt, auf einen alten Vorschlag des FC Bayern  in Gestalt von Uli Hoeness, zurückzukommen. Der damalige Präsident der Bayern hat einmal die Drohung ausgesprochen, in Italien in der Serie A anzutreten, wenn er seinen Verein zu sehr benachteiligt sähe. Was damals eine Erpressung von Uli "Vater Theresa" Hoeness sein und die Bundesliga hoffnungslos hinter der finanziell überlegenen Serie A zurücklassen sollte, wirkt heute absurd. Die Bayern würden ohne die Bundesliga rettungslos eingehen. Die Bundesliga würde ohne die Bayern weiterblühen, Dortmund, Schalke, Borussia Möchengladbach und andere erst medial, dann auch real zu den neuen Spitzenclubs.

Sehr geehrter Herr Rummenigge, wir möchten Sie wärmstens einladen, diese Glanzidee ihres in München nach wie vor gefeierten Vorgängers alsbald umzusetzen. Und schreiben Sie uns eine Karte.

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