Ein Mann, ein Spiel. Ein letzter Mann für das beste Spiel. Es mag ein paar bessere Spieler in der Fußballhistorie gegeben haben als Franz Beckenbauer, aber keinen, dessen Position das Spiel so geprägt hat. Vor allem in dem Land, das mit seiner Interpretation des Ausputzers seine größten Erfolge feierte, in Deutschland. Noch drei Spielergenerationen danach hieß die Herausforderungen für einen Bundestrainer, den nächsten Beckenbauer zu finden. Die Möglichkeit, ohne Libero zu spielen, war eine englische Absonderlichkeit, Tabu und Sakrileg. Die sich anbahnende Modernisierung des Spiels gegen Ende der Achtziger wurde darüber nach besten Kräften ignoriert.

Augenthaler und Matthäus, Holger Fach und Christian Hochstätter, die neunziger Jahre zogen den Versuch der Beckenbauerfindung konsequent durch. Ohne Libero war es für Deutschland kein Fußball und der dritte Weltmeistertitel bewies die Richtigkeit dessen ein für alle mal. Mitte der Neunziger gab es nur an zwei Orten die Dreistigkeit des Spiels ohne letzten Mann: Bei den eifrig laborierenden Freiburgern und bei der Gladbacher Revolution von Bernd Krauss.

Der stämmige Schwede Patrik Andersson durfte endlich wie zuvor in England und seiner Heimat eine echte Viererkette dirigieren und für einige Jahre war die fußballerische Avantgarde am Bökelberg zu Hause. Bekanntlich waren diese Neuigkeit und der fußballerische Erfolg nicht für die Ewigkeit, weder in Mönchengladbach noch im (fast vollständigen) Rest von Deutschland oder bei der Nationalelf. Die unbeholfenen Versuche von Erich Ribbeck bei Bayern führten nur zu einem Hagel von Gegentoren und zu nicht endenden Witzchen. Die endgültige Hinwendung zur Moderne vollzog bekanntlich Klinsmann gegen beträchtliche Schwierigkeiten. Gerade rechtzeitig zur WM 2006 stand eine nur noch mäßig wackelige Viererkette vor dem deutschen Tor; der DFB fühlte sich mächtig modern und erklärte das 4-4-2 zum System der Gegenwart und der Zukunft. Im Finale jener WM duellierten sich Italien und Frankreich im 4-2-3-1.

Im Spätsommer 2013 wiederum spielt praktisch die ganze Bundesliga in diesem 4-2-3-1. Immerhin dauert es keine 20 Jahre mehr, bevor man taktische Neuerungen antestet. Vermutlich fahren nur noch zwei echte Stürmer mit zur WM nach Brasilien und manche prophezeihen die völlige Verschrottung des atlethischen Mitteltürmertyps "Gomez" und seine radikale Ersetzung durch flinke Offensivkobolde Typ "Götze". Trends zu projizieren und daraus eine Zukunft abzuleiten ist ja auch eine wohlfeile Art des Lesens in der Kristallkugel. In Italien ist das 4-2-3-1 praktisch schon wieder veraltet.

Was ist denn da nur wieder los? Die spinnen ja wohl, die Römer! Kann uns der verschlagene Lateiner eigentlich mal zwei Jahre Ruhe am Stück gönnen, bevor er sich neue Systeme ausdenkt? Ähnlich beunruhigt angesichts der ständigen Neuerungen fühlen sich vermutlich nur die italienischen Autobauer gegenüber der deutschen Konkurrenz. Und was haben die Catenacciari nun zu bieten, vielleicht ein 6-4-0? Überraschenderweise nein. Eine Woche vor dem Start der Serie A lag die Vorhersage der "Gazzetta dello Sport" für die 20 Teams bei zwei Aufstellungen im 4-2-3-1 und dem Rest vollständig in 4-3-3 oder 3-5-2 Formationen. Und angesichts der Tatsache, dass die Italiener dem deutschen Fußball taktisch regelmäßig ein paar Jahre voraus sind, lohnt sich ein Blick darauf.

Das 4-3-3 sieht vertraut aus und erinnert an gute alte Zeiten mit rasanten Außenstürmern und scharfen Flanken auf kopfballstarke Mittelstürmer. Nun ja, wir sind trotz allem noch in Italien (obwohl, in Deutschland kaum bekannt, der Tscheche Zeman das klassische 4-3-3  über 25 Jahre in Italien praktiziert hat, oft mit spektakulärem Erfolg).Das moderne 4-3-3 kann als offensive Evolution eines 4-5-1 verstanden werden, durchaus mit dem Ziel, das "Baricentro", den Schwerpunkt der eigenen Mannschaft weiter nach vorne zu verlagern und aus einer immer kompakten Stellung heraus mehr Optionen Richtung gegnerisches Tor zu haben. Die defensive Grundaufstellung bleibt dabei unangetastet, was das System zu einer eher behutsamen Weiterentwicklung macht.

Anders die Varianten im 3-5-2, gelten doch vier Abwehrspieler in der hinteren Linie als Quintessenz des modernen Spiels, quasi als Belohnung  für die Entbeckenbauerisierung des Spiels. Gleichzeitig sind Experimente mit Dreierketten mehrheitlich schiefgegangen, haben sozusagen die immanente Richtigkeit der Viererkette bewiesen. Und jetzt tüfteln die Erben Trappatonis, Baresis, Cannavaros an mehr Offensive? Könnte sein. Denn es sieht ganz so aus, als wären diese 3-5-2 keine aufpolierten Wiedergänger des früheren 5-3-2 , also nicht um zwei Außenverteidiger erweiterte Dreierketten. Leises Seufzen aus der Ecke mit Brehme, Kastenmeier und Reuter. Stattdessen sieht es ganz danach aus, als würden die hinteren drei um zwei defensive Unterstützer im Mittelfeld erweitert, quasi wie im bei uns aktuellen 4-2-3-1 , um eine Planstelle hinten gekürzt. Und das ist schon mutig. Was bringt die Defensivkünstler denn auf die Idee?

Da kommen ein paar Faktoren zusammen. Grundsätzlich ist im Fußball wie im übrigen Leben der Misserfolg der beste Anreiz für die Suche nach Veränderungen. Man erinnere sich an die deutsche Anabasis hin zum 4-4-2. Und seit dem recht überraschenden Gewinn der WM 2006 hatte der italienische Fußball nicht viel zu bieten, unter anderem ein grauenhaftes Turnier 2010 und der ständige Verlust an Boden in den europäischen Clubwettbewerben. Und da italienische Vereine nicht mehr die Weltspitze der Spieler einkaufen können, müssen die Lösungen kreativer aussehen. Beeinflusst sicher davon, dass der moderne Fußball im wesentlichen zwei Wege zum Erfolg kennt. Entweder der 97%ige Ballbesitz pro Spiel, den Barcelona und Spanien zelebrieren, oder der blitzschnelle Gegenangriff nach Balleroberung, an dem sich praktisch alle anderen versuchen. Ohne die fünfmalige Erwähnung von "Umschaltspiel" kommt ja heute kein Kommentator mehr aus. Dafür darf eine Mannschaft aber nicht zu weit hinten stehen, die Balleroberung erfolgt am besten in dem Moment, in dem der Gegner sich zu weit nach vorne wagt und wird sofort bestraft. 10 Meter näher am gegnerischen Tor bedeuten da eine Welt.

Konsequenterweise schiebt man dafür soviele Leute ins Mittelfeld wie möglich und die "Pyramide", die Taktikauthor Jonathan Wilson beschreibt (als 4-3-2-1) wird an der Basis dünner und in der Mitte dicker.  Ein weiterer Umstand mag diese Entwicklung begünstigen: Eine Viererkette ist und bleibt ein ausgezeichnetes System, wenn man zum Beispiel einen Lahm und einen Alaba dafür zur Verfügung hat. Bekanntlich existiert beim FC Bayern die hintere 4 nur beim Anpfiff, danach orientiert sich einer der beiden immer bis ganz nach vorne. Hat man offensiv eher limitierte Leute zur Verfügung, wird damit vielleicht der gegnerische Flügel geblockt; im Spiel nach vorne kommt man aber nie zu einer kompletten Mannschaftsbewegung. Seit der legendäre Paolo Maldini seine unvergleichliche Karriere beendet hat, gibt es diese Form der Kompetenz nicht mehr annähernd in Italien. Da liegt die Überlegung, eine der beiden Außenverteidigerstellen zu sparen, durchaus nahe.

Da stehen uns also wieder neue Moden ins Haus. Nachdem die alten Gewissheiten der einst großen Teams in Italien Vergangenheit sind und die Gegenwart findige Lösungen braucht, kommt das italienische Taktiklabor so richtig auf Touren. Und früher oder später werden die dort ausprobierten Varianten ihren Weg nach Deutschland finden. Sie lasen es zuerst auf SEITENWAHL.

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