Als am Mittwoch Marco Reus in der 72. Minute des Relegationsspieles in Bochum zum 1:1 traf, hatte er damit über den Ausgang des Duells zwischen Mönchengladbach und Bochum und über die Besetzung der beiden obersten Bundesligen der kommenden Saison entschieden und das Gladbacher Wunder einer einzigartigen Aufholjagd wahr gemacht. Und allem Anschein nach hat er damit über das Schicksal der Mönchengladbacher Oppositionsgruppe mit dem Namen Initiative Borussia entschieden, oder wenigstens über den Ausgang ihrer Anträge zur Jahreshauptversammlung und für dieses Jahr.


 

Denn der sportliche Ausgang der Saison dürfte entscheidend auf die Stimmung der Vereinsmitglieder einwirken, die am Sonntag über einige weitreichende Anträge zu entscheiden haben. (Einschub: Am Sonntag wird nicht direkt ein Präsident gewählt oder abgewählt. Die Anträge betreffen den Aufbau der Vereinsstruktur und die Möglichkeit, einen Präsidenten mehr oder weniger schnell neu zu wählen. Bei Annahme der Anträge käme es erst in der Folge dann zu personellen Veränderungen, genaueres bietet der Artikel von Michael Heinen). Und auch wenn Mehr- und Minderheiten unter den Fans schwer einzuschätzen sind und die Lage der Initiative sich gegen Ende der Saison wohl verschlechtert hat, hätte ein Abstieg viele Mitglieder noch einmal ins Nachdenken gebracht bezüglich möglicher Veränderungen. In der jetztigen Situation sollte es der aktuellen Führung um Präsident Rolf Königs ein Leichtes sein, die Initiative Borussia abzuwehren. Die konkurrierende Gruppe namens Mitgliederoffensive hat sich eher sanften Veränderungen verschrieben, die im Verein eine gewisse Akzeptanz gefunden zu haben scheinen.

 

 


Vorgänge wie diese waren bis Anfang des Jahres etwas neues in der Welt, in der die Anhänger und Mitglieder von Borussia Mönchengladbach leben. Diese Welt war zwar alles andere als heile mit ihren ewigen Abstiegskämpfen und es kam auch regelmäßig vor, dass die Stimmung sich gegen den amtierenden Präsidenten Königs richtete. Aber die Zersplitterung in Fraktionen und die Grabenkämpfe um den Verein waren in Mönchengladbach etwas, das man aus der Zeitung kannte und aus Städten wie Hamburg oder dem Randaleklassiker Gelsenkirchen. Soviel Harmonie ist angesichts der sportlichen Lage mit ihren wenigen ruhigen Jahren nicht unbedingt natürlich. Viel mehr hätte man erwarten können, dass bei ständigem Abstiegskampf, ungefähr jährlichen Trainer- und gelegentlichen Ligawechseln sich auch einmal Leute finden, die dagegen sind. Einfach dagegen, in welcher Form von Opposition auch immer.

 

Nicht so in Mönchengladbach. Es mag sich hier zwar amtlich um eine Großstadt handeln; "gefühlt" , wie man heute sagt, ist es aber oft einfach nur ein Städtchen. Mal provinziell, mal mit einer fast ländlichen Haltung, die darauf hinausläuft, dass gegen die "Großen", die Metropolen und den bösen Bayern nur bestehen kann, wer geschlossen vorgeht. Einigkeit stärkt, Spaltung führt zum Untergang, so fühlt man das am Niederrhein. In der schon fast legendenhaft fernen Zeit von Grasshoff und Beyer gab es schliesslich auch über Jahrzehnte eine stabile Vereinsführung und damals gab es doch fast nur Erfolg, richtig? Und sind die liederlichen Schalker mit ihren Präsidentenopern nicht ständig ab- und nur manchmal aufgestiegen? Na also.


Das kleine Mönchengladbach bezieht Stärke aus seiner Einigkeit und der Vernetzung aller Gruppen, so fühlt das die Eickener Seele. Das tatsächlich einzigartige Fanprojekt hat ganze Arbeit geleistet in der Integration aller möglichen Fangruppen. Es bedurfte einiger Anstrengung, um wenigstens mal eine nennenswerte Opposition zustande zu bringen, aber Anfang 2011 war es tatsächlich soweit. Drei desaströse Jahre der letzten vier in der Bundesliga haben wohl auch in den integrativen Gladbachern und Rheydtern Rebellion geweckt und Leute auf den Plan gerufen, die sich berufen fühlen, selber eine bessere Vereinsführung zu werden.


Unzufriedene Fans zeigten Interesse, aber vor allem ging auch bald ein Riss durch die geschichtlichen Figuren der Borussia, die ehemaligen Spieler wie Netzer, Vogts, Bonhof, Köppel. Die von harsch über unglücklich bis völlig unsägliche Kritik wurde auch bei SEITENWAHL ein Thema

http://www.seitenwahl.de/content/view/2394/404/ . Was sich in der Folge und bis vor ein paar Tagen abspielte, hat es in der 110jährigen Geschichte des Vereins noch nicht gegeben. Die Diffamierungen und Anfeindungen unter Fans, Gruppen und Vereinslegenden rollten tsunamihaft über den Verein und legten offen, dass die so harmonieträchtige Seele des Vereins in den letzten Jahren sehr viel Frust geschluckt hat. Zum Teil hat das sicher auch mit dem Wandel von Fans zu Kunden zu tun und dem fehlenden Verhältnis von Preis und Leistung. Aber auch aus den Reihen von Anhängern, die noch die Meisterschaften mitgefeiert haben, wuchs bittere Kritik. Auch in Mönchengladbach sind Harmonie und Einigkeit kein naturgegebener Zustand sondern durch lange Erfolgslosigkeit belastbar. Und belastet.

Der Riss geht seitdem tief durch den Mythos und hat jahrzehnte alte Männerfreundschaften zwischen den Gladbacher Legenden zerstört. Besonders übel fiel der Nationaltrainer Aserbeidschans auf mit atemberaubend unqualifizierten Äusserungen zu Sportdirektor Max Eberl und die Initiative Borussia vergriff sich zum Teil auch in bodenlos niveau-armen Aussagen zu dem Thema. Als sich dann Initiative und Offensive nach ersten Kontaktversuchen ebenfalls in die Haare gerieten und Borussia zudem abgeschlagen am Tabellenende rumschlich, war das Bild von Zerfall und Untergang komplett.



Die Aufholjagd ohne Beispiel, die seit dem 5:1 Sieg gegen Köln stattgefunden hat, dürfte die Stimmung weitgehend so beruhigt haben, dass es am Sonntag keinen Umsturz gibt; des weiteren bildete sich mit dem kometenhaften Aufstiege von Marc Andre ter Stegen eine weitere Identifikationsfigur neben Marco Reus heraus, was zur Wundheilung auf der Fanseele beiträgt. Ebenso wird die Initiative Borussie sich keinen Gefallen getan haben mit der Ankündigung, Horst Köppel zum Präsidenten berufen zu wollen; selbst der ungleich beliebtere Effenberg bekam ordentlichen Gegenwind der Fans zu spüren. Die Revolution findet dieses Jahr voraussichtlich weder im Saale noch im Stadion statt.


Was nicht heissen muss, dass es immer so bleibt. Zum ersten Mal seit langem ist es ins kollektive Bewusstsein der Fans gedrungen, dass die Unzufriedenheit mit Rolf Königs eine strukturierte Basis gefunden hat. Sollten die nächsten Jahre die sportlichen Ergebnisse der letzten wiederholen, ist es von nun an leichter und schneller möglich, dass es zu Aufruhr im Verein kommt. Ob das wiederum gut oder schlecht ist, ist eine ganz andere Frage. Es ist nicht entscheidend, dass immer alles so bleibt wie es ist. Veränderungen müssen möglich sein, ohne dass es den Verein zerreisst. Und wenn man Verkrustungen und Eingefahrenheit verhindern will, dann muss es auch in Zukunft möglich sein, in Opposition zu gehen.


In eine Opposition, die sich Mindestansprüche auferlegt, was Stil und Niveau angeht.


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